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Die Postkarte zum Muttertag

Eheleute Lehmann, Ende der 1930er JahreElisabeth Lehmann geborene Haag war Ende vierzig, als sich ihre, damals als „Wechseljahresbeschwerden“ bezeichnete, seelische Erkrankung so verschlimmerte, dass sie in eine psychiatrische Fachklinik eingewiesen wurde. Es war im Jahr 1940, als sie von Friedrichsthal in die Landesheilanstalt Eichberg in Eltville bei Wiesbaden gelangte. Ihr Mann litt zu dieser Zeit bereits an einer schweren Herzerkrankung, wahrscheinlich auch als Folge der jahrelangen familiären Belastung.

Die Heilanstalt Eichberg genoss bereits im 19. Jahrhundert den Ruf, dass man dort „Irre“ nicht einfach wegsperrte und versteckte, sondern ihren Leiden mit neuen, progressiven Ansätzen begegnete und ihre gesellschaftliche Reintegration als Ziel der Behandlung sah. Zudem lag die Krankenanstalt in einem Park hoch über dem Rhein und war in repräsentativen Gebäuden untergebracht. Für eine saarländische Bergmannsfamilie eine mit Sicherheit beeindruckende Umgebung.



Die Familie hielt den Kontakt über Postkarten, die regelmässig verschickt und auch beantwortet wurden. Die Karte zum Muttertag 1942 erreichte Elisabeth Lehmann nicht mehr. Sie war wenige Tage zuvor im Rahmen eines Euthanasieprogrammes vermutlich durch Medikamenten-Überdosierung ermordet worden.

 

 

 

 

 

 

Postkarte zum Muttertag 1942

 

Frau
Elisabeth - Lehmann
Krankenhaus - Eichberg
Hattenheim
Rheingau

Elversberg, den 15.5.42
Liebe Mutter!
Die herzlichsten Glückwünsche zum
Muttertag sendet Dir Maria, Sissi
sowie Heinrich, Silvia und
Edilein. Auf frohes Wiedersehen.

Zusatz in roter Schrift:
+ 10.5.42
15.5.42 beerdigt

Warum auch immer hatte der Brief mit der Todesnachricht die Familie nicht erreicht. Die Postkarte zum Muttertag wurde mit einem Begleitschreiben des Direktors der Landesheilanstalt Eichberg, Dr. Friedrich Mennecke zurück nach Friedrichsthal geschickt. Dieses Dokument, sowie die Sterbeurkunde stellen die Nachfahren von Elisabeth Lehmann an dieser Stelle zum Download bereit.

Friedrich Mennecke in Uniform
Bildquelle: United States Holocaust Memorial Museum

Dr. Friedrich Mennecke wurde wurde am 21. Dezember 1946 „wegen Mordes in einer unbestimmten Anzahl von Fällen“ durch das Landgericht Frankfurt zum Tode verurteilt. Er legte Revision ein, verstarb aber unter ungeklärten Umständen am 28. Januar 1947 in der Haft.

In der Landesheilanstalt Eichberg wurden in der Zeit des Nationalsozialismus mindestens 3600 Menschen ermordet, darunter mehrere hundert Kinder.

Nach dem Krieg wurde die Anstalt als Psychiatrische Klinik weiter betrieben und sie ist es noch heute. Anfragen nach der Lage des Grabes von Elisabeth Lehmann blieben lange unbeantwortet. Erst Ende der 1970er Jahre gelang es vor Ort, das mittlerweile parkartig angelegte Gelände als früheren Anstaltsfriedhof auszumachen. Eine aktive Aufarbeitung der Geschehnisse auf dem Klinikgelände setzte erst in den 1980er Jahren ein.

Psychiatrische Klinik Eichberg in Eltville 2012

Psychiatrische Klinik Eichberg in Eltville 2012, Bildquelle Wikimedia

Artikel über Friedrich Mennecke in der deutschsprachigen Wikipedia

Artikel über die psychiatrische Klinik Eichberg in der deutschsprachigen Wikipedia

Autor: Rainer M. Kreten, Mai 2014

 
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